Viele Unternehmen haben bereits eine beeindruckende Anzahl digitaler Tools im Einsatz wie Warenwirtschaftssysteme, CRM, CMS, Terminbuchung, Ressourcenplanung, Abrechnung, Projekttools, KI-Tools. Jedes einzelne wurde aus einem guten Grund eingeführt: um ein Problem zu lösen oder neue Möglichkeiten zu schaffen.
Was aber passiert, wenn für jede neue Herausforderung ein weiteres Tool ergänzt wird? Eine zunehmend unübersichtliche und überfordernde Prozesslandschaft entsteht: Man arbeitet parallel in fünf Systemen, Daten liegen an mehreren Stellen, Schnittstellen werden zur Dauerbaustelle und statt Effizienz entsteht Frustration.
Warum ist das so?
WIR sehen in vielen Organisationen eine digitale Schichtung, die über Jahre gewachsen ist. Da wird Prozess auf Prozess oder Plattform auf Plattform gebaut, oft nur auf zentrale Funktionen fokussiert. Aber kaum jemand schaut sich an, was man jetzt erstmal weglassen müsste.
Dafür gibt es einen wichtigen Begriff in der Innovationsforschung.
Exnovation.
Exnovation ist das bewusste Gegenstück zur Innovation. Während Innovation Neues schafft, bedeutet Exnovation: Altes gezielt beenden, abschaffen oder loslassen.
Der Begriff wurde bereits 1981 von John Kimberly geprägt – damals im Kontext der Ausmusterung veralteter Krankenhausgeräte. Vor kurzem hat Anja C. Wagner das Konzept im Corporate Learning Camp wieder aufgegriffen und diskutiert.Beispiele für Exnovation kennen wir aus großen Transformationen wie dem Atomausstieg, dem Verbot von Glühbirnen oder dem Abschied vom Verbrennungsmotor. Transformation gelingt also nicht nur durch Neues – sondern durch das bewusste Loslassen des Alten.
Und genau das ist oft der schwierigere Schritt. Denn Exnovation bedeutet auch, die Angst auszuhalten, was passiert, wenn die alte Software, die vielleicht über Jahre gut funktioniert hat, abgeschaltet wird. Es bedeutet, die eigenen Gewohnheiten zu hinterfragen, Routinen zu verlernen und vermeintliche Sicherheiten aufzugeben.
Der Prozess kann durchaus schmerzhaft sein und mit vielen Diskussionen einhergehen. Vielleicht hilft es Unternehmen solche „Abschiede“ zu institutionalisieren, z.B. in einem regelmäßigen „Portfolio-Detox“ oder einen „Kill-a-Feature-Day“.
Anders formuliert: Effizienzgewinn beginnt häufig erst dann, wenn man den Mut hat, Dinge auch abzuschaffen. Exnovation ist deshalb nicht nur eine technische Entscheidung, sondern auch ein kultureller Prozess.
Deshalb sollten WIR in Transformationsvorhaben häufiger nicht nur fragen: „Was brauchen wir neu?“, sondern auch: „Was können wir weglassen?“ Denn manchmal beginnt echte Innovation genau dort. Welche alte Technologie müsstet Ihr eigentlich mal abschalten?